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Das hessische Sozialministerium hat in den Jahren 2007 bis 2009 das Aktionsprogramm "Partizipation und Kooperation zwischen Jugendarbeit und Schule (PKJS)" durchgeführt und in einem Abschlussbericht Ergebnisse vorgestellt. Mit dem Aktionsprogramm sollten im Rahmen konkreter Kooperationsprojekte Lösungswege erprobt werden, die auf die veränderten gesellschaftlichen Bedingungen antworten, die auch in Bayern zu einer Entwicklung von Ganztagsschulkonzepten geführt haben (Stichwort: "offene Ganztagsschule"). Im Fokus stehen Möglichkeiten einer Gesamtkonzeption von Bildung, Erziehung und Betreuung, die jedoch nicht von einer Institution alleine, wie z.B. der Schule, sondern nur im Ineinandergreifen von außerschulischer und schulischer Jugendbildung, bewältigt werden können.
Dieses Verhältnis von schulischer und außerschulischer Bildung, und das sich in ihm eröffnende Potential, ist auch für die politische Bildung von besonderem Interesse. Immerhin knapp 30% der im Aktionsprogramm angestoßenen Einzelprojekte widmeten sich dem Themengebiet der politischen Bildung.
Konzeption des Aktionsprogramms
Insgesamt 18 Träger der außerschulischen Jugendarbeit bzw. Jugendhilfe nahmen an dem Projekt teil und intensivierten oder knüpften im Rahmen ihres Projekts zum ersten Mal ihre Kooperation mit lokalen Schulen (insgesamt 57). Dabei unterschieden sich die Einzelprojekte nicht nur inhaltlich voneinander, sondern auch in der Umsetzung der Kooperation und Konzeption in der Zusammenarbeit mit den Schulen und dem Lehrpersonal. In einigen Fällen wurde Konzepte von den Trägern im Vorfeld bereits weitgehend "fertig" entwickelt, und dann an die Schule(n) herangetragen, in anderen wurden Inhalte und Vorgehensweise mit Lehrkräften der Schule gemeinsam entwickelt und angepasst. An den Schulen wurden Angebote in den Bereichen Politische Bildung, Kulturelle Bildung, Soziale Bildung und Jugendsozialarbeit, Naturkundliche Bildung und Umweltschutz, technische Bildung, internationale Jugendarbeit und sportliche Jugendbildung gemacht. Zur politischen Bildung wurden hier auch Angebote gezählt, die die SV-Arbeit, die Etablierung eines Klassenrats oder die Schulhofgestaltung betreffen da diese in der Regel demokratiertheoretisch bzw. politisch begründet wurden (Stichwort: Partizipation).
Die wissenschaftlichen Begeleitung des Aktionsprogramms erfolgte durch die Hochschule Darmstadt, die mit einem enstprechend konzipierten Forschungsvorhaben die "Anschlussfähigkeit von schulischer und außerschulischer Bildung ... sowie die notwendig zu installierenden Rahmenbedingungen, die eine miteinander abgestimmte Vorgehensweise in der Ausgestaltung von schulischen und außerschulischen Bildungsprozessen ermöglichen", untersuchen wollte.
Beispielprojekte aus dem Bereich der politischen Bildung
1. Eines der "Good-Practice"-Projekte, das vom Träger "Haus am Maiberg" an fünf Schulen angeboten wurde, setzte beispielsweise auf ein jahrgangsübergreifendes Werkstattkonzept, bestehend aus einer "Politikwerkstatt", einer "SV-Werkstatt" und einer Schülerzeitungs-/Medienwerkstatt. Während in der Politikwerkstatt besonders auf die Interessen der SchülerInnen abseits schulischer Lerninhalte rücksicht genommen werden konnte, wurden in der SV-Werkstatt Wissen und Kompetenzen in den Bereichen SV-Rechte & Pflichten, Moderation, Projektmanagement, Organisationsentwicklung, Präsentation vermittelt und eingeübt. Ähnliche Inhalte wurden in den Schülerzeitungswerkstätten vermittelt, wobei ein zusätzlicher Schwerpunkt auf praktische Kenntnisse in der journalistischen Arbeit gelegt wurde.
Als Lernorte dienten hier sowohl die Schule (regelmäßige Doppelstunden) als auch außerschulische Orte im Rahmen von Blockseminaren und Exkursionen. Für jede Werkstattform ist ein Mitarbeiter der außerschulischen Jugendarbeit verantwortlich, in der Regel in Zusammenarbeit mit einer Lehrkraft der Schule ("Leitungstandem"). Für die Schulen eingeführt wurde das Vorhaben langfristig und mit einem mit bedacht gewählten Vorlauf, nämlich mit einer Fachtagung unter dem Titel „Schule & Jugendbildung - Bildung ist mehr als Schule". An diese Tagung anschließend gelang es, mit den einzelnen Schulen die konkrete Durchführung zu planen.
2. Ein weiteres Projekt wurde durch das Jugenbildungswerk der Stadt Wetzlar unter dem Titel „Vitamin B-teiligung schulaktiv: Das Wetzlarer Projekt zur Stärkung der Klassen und Schuldemokratie" initiiert. Hier hatte man sich die "Stärkung und Aktivierung der Beteiligungs- und Handlungskompetenz der Schülervertretungen" zum Ziel gesetzt. Hier wurden an vier kooperirenden Schulen ebenfalls jahrgansübergreifend für Schüler der Sekundarstufe I drei verschiedene Veranstaltungsformen umgesetzt. Erstens ein 3-tägiges sog. "Klasse-Klasse-Sozialkompetenz- und Beteiligungstraining" mit Trainingseinheiten zur Stärkung der Kritik- und Konfliktfähigkeit und zur Förderung von Beteiligungs- und Problemlösungskompetenzen. Zweitens 2-3-tägige Trainings für alle Klassensprecher der einzelnen Partnerschulen, in denen es um eine positive und kritische Bestandsaufnahme der Schulsituation, die Präzisierung von Kritikpunkten und die Entwicklung von praktischen Problemlösungen ging. Ein erfrischendes und spannendes Element stellt in diesem Format die Idee dar, die Schulleitung auf dem „heißen Stuhl" mit den Kritikpunkten zu konfrontieren und gemeinsame Problemlösungen in der Diskussion weiter zu entwickeln. Als drittes Element, wurde eine schulübergreifende Beteiligungskonferenz mit Vertretern der jeweilgen SV und der Schulleitungen durchgeführt, die darauf abzielte Stolpersteine der Beteiligungspraxis auszumachen und Beispiele gelingender Beteiligung zu multiplizieren.
Wesentliche Ergebnisse
Die Initiatoren, Projektbegleiter und Mitwirkenden des Aktionsprogramms sind sich in ihrer Meinung angesichts der gemachten Erfahrungen einig, dass in der Kooperation von außerschulischer Jugend(bildungs)arbeit und Schule - also zweier für junge Menschen zentralen Bildungsorte - ein großes Potential für eine Entwicklung zu einer schülernahen, lebensweltorientierten und die Selbsttätigkeit aktivierenden Bildungspraxis liegt.
In den Berichten der Bildungsträger fällt auf, dass doch weitreichende Abstimmungs- und Informationsprozesse nötig sind, um die bisher oft nur lose verbunden Felder Schule/außerschulische Jugendarbeit fruchtbar zu verbinden. Die Etablierung von ganzen Projekten oder auch nur einzelnen Veranstaltungsformen braucht Zeit, Absprache und auch Akzeptanz seitens der Schulleitungen und Kollegien.
Aus ihren Erfahrungen und formulieren die Projekte im Abschlussbericht des Aktionsprogramms "Kernbotschaften und Perspektiven der Ganztagsschulentwicklung", von denen im folgenden eine Auswahl wiedergegeben wird.
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Kernbotschaften der gemachten Erfahrungen:
Organisationsentwicklung
1. Für ein nachhaltiges Zusammenwirken sind unerlässlich: ein Kooperationsvertrag oder eine Kooperationsvereinbarung zwischen Schule und Trägern der Jugendarbeit, die Fortschreibung des pädagogischen Konzepts, die Beteiligung an schulischen Gremien und bestenfalls an Schulentwicklungsprozessen und die wechselseitige Pflege der Kommunikationsstruktur.
2. Partizipation von Schülerinnen und Schülern muss in der Schule strukturell verankert und wirklich gewollt sein; sie braucht Raum, Präsenz und Kontinuität. Impulse von außen können nur eine ergänzende Funktion haben.
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Personalentwicklung
4. Eine wechselseitige Wertschätzung der je anderen Arbeitsweisen und Haltungen ist die entscheidende Grundlage für die Entwicklung einer Kooperation auf gleicher Augenhöhe.
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6. Die Kooperation wird durch Weiterbildung des Personals zur pädagogischen Konzeptentwicklung auf solide Füße gestellt. Dazu haben sich Tandem-Weiterbildungen als ein effektives Instrument erwiesen
Bildung und Entwicklungsförderung
7. Jugendarbeit bringt die non-formale Bildung in die Schule mit ein. Durch diese Einbeziehung wird der individuellen Förderung, insbesondere von sozial benachteiligten Schülerinnen und Schülern, eine andere Aufmerksamkeit gewidmet. Die Jugendarbeit bringt zudem Projekterfahrungen zu Gender- und zu Migrationsbedingten Differenzen mit in die Schule.
8. Für die Partizipation der Schülerinnen und Schüler wird der Klassenrat von den Projekten als zentrales Instrument angesehen, wenn er im 5. Jahrgang eingeführt und bis zur 10. Klasse mit Unterstützung durch die Jugendarbeit fortgeführt wird. Darüber hinaus muss Partizipation zur Alltagspartizipation werden - im täglichen Miteinander, in allen Fächern, in der Schulraumgestaltung.
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Strukturelle Entwicklung
10. Im Verlauf der Entwicklung von kommunalen Bildungslandschaften im Hinblick auf Ganztagsbildung hat sich die Bildung von Netzwerken mit hauptamtlichen Koordinatoren als wichtig erwiesen. Es müssen sowohl in den Schulen wie in den Kommunen Ressourcen zur Verfügung stehen, um dauerhaft an der Kooperation und an einem Transfer von lebensweltbezogenen Lernprojekten in die Ganztagsbildung zu arbeiten und die Entwicklung von neuen Strukturen zu koordinieren [...]
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12. Die schulbezogene Kinder- und Jugendarbeit an Schulen braucht eigenständige Träger der Jugendhilfe, eine solide Finanzierung und passende kommunale Strukturen
Quelle: Abschlussbericht des Aktionsprogramms PKJS
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Implikationen für Bayern?
Das hessische Aktionsprogramm Partizipation und Kooperation zwischen Jugendarbeit und Schule zeigt eine Reihe von Möglichkeiten der konstruktiven Verknüpfung von Schule und außerschulischer Jugendarbeit auf, die auch wertvolle Erlenntnisse für die Situation in Bayern liefern kann. Dies lässt sich sagen, auch wenn eine abschließende detaillierte Projektauswertung noch nicht vorliegt.
Eine Rahmenvereinbarung zur Zusammenarbeit von Schule und Jugendarbeit zwischen dem Staatsministerium für Unterricht und Kultus und dem Bayerischen Jugendring (bjr) exisitiert in Bayern seit dem Jahr 2007 - in dieser Vereinbarung wird auch explizit der Zusammenhang zur (offenen) Ganztagsschule hergestellt. Als mögliche Angebote, die die Jugendarbeit in den Raum der Schule einbringen kann, werden genannt: "Beteiligung an Projektwochen mit Klassen oder Gruppen, (Mit)gestaltung von Schullandheimaufenthalten, Schülertreffs an der Schule oder in unmittelbarer Nähe zur Schule (Schülercafes), Seminare und Multiplikatorenschulungen für Tutoren, Schülerinnen und Schüler der Schülermitverantwortung (SMV), Angebote der Pausen- und Schulhofgestaltung, Jugendberatung und Jugendinformation, Übungen, Schulungen, Unternehmungen z.B. mit erlebnispädagogischen Methoden, Bildungsangebote zur Entwicklung sozialer Kompetenz und zum Erwerb von Schlüsselqualifikationen, Gruppenangebote".
Fraglich bleibt, inwieweit konkrete Angebote und Kooperationsprojekte mit dem Engagement von Trägern der außerschulischen Jugendarbeit und deren Initiative stehen oder fallen - hier gibt auch das hessische Aktionsprogramm - zumindest im bisherigen Stand der Auswertung - keine Antworten. Hier ist auch die Theorie und Praxis der Schulentwicklung und Gestaltung - zumindest für Ganztagsschulkonzepte - gefragt. Die besagte bayerische Rahmenvereinbarung stellt nach eigener Formulierung eine "Ermutigung" für Schulen zur verstärkten Kooperation dar. Ob dies ausreichend und auch unter dem Aspekt der Qualität zukunftsfähig ist, z.B. auch angesichts der aktuell angekündigten Mittelkürzungen für die Jugendarbeit in Bayern, darüber mag sich der Interessierte selbst ein Urteil bilden.
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