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"Neuland denken" - Schüler diskutieren über Ost und West. Ein Bericht.
Geschrieben von: Nanne Wienands   
Mittwoch, den 07. Oktober 2009 um 14:48 Uhr
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 Holger Lauinger und Schulleiter Pfarrer Achim Schäfer im Gespräch mit Berufspraktikantinnen und -praktikanten

Donnerstagvormittag in der Hofer Fachakademie für Sozialpädagogik an der Mozartstraße. Noch wissen die an diesem Tag über 200 anwesenden Studierenden nur, dass ein Film sie erwartet. Ein Film über die Probleme im Osten und auch im Westen unseres Landes. Dass sie mit dem Filmemacher Holger Lauinger diskutieren können und mit Dr. Simone Richter von der Projektstelle gegen Rechtsextremismus in Bad Alexandersbad. Die Veranstaltung erfolgt im Rahmen des Projektes "Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage"; diesem bundesweiten Projekt hat sich die Hofer Fachakademie für Sozialpädagogik angeschlossen. Es bleibt ganz still, während der Film gezeigt wird.

Im Saal sitzen junge Menschen aus Ost und West. Jeder hängt den Gedanken nach, die einem unweigerlich in den Sinn kommen, bei dieser schweren Kost. Lauingers Film zeigt einerseits Bauten im Osten, die mit vielen Millionen bezuschusst wurden, hunderte von Arbeitsplätzen versprachen und dann doch nach kürzester Zeit bankrott waren. Sie stehen jetzt als Ruinen in der Landschaft. Und er zeigt andererseits viele kleine Bemühungen und Anfänge von Bürgern, die mit Kreativität und unkonventionellem Vorgehen versuchen, dem Arbeitsplatz- und Bevölkerungsschwund in ihren Dörfern und Städtchen zu begegnen. Oft ohne staatliche Unterstützung, ohne Zuschüsse. In langen Filmsequenzen muss man den Betroffenen zuhören. Geduld muss man aufbringen als Zuschauer, manchmal wird gelacht im Zuschauerraum, wenn die Verzweiflung komisch wird. 

In der anschließenden Diskussionsrunde geht es um die Notwendigkeit der Bürgeraktivitäten. Frau Dr. Simone Richter bekräftigt die Aktivitäten gegen rechtes Gedankengut und rechte Gewalt, und stellt ihre Arbeit vor. Eine Studierende fühlt sich bestätigt in ihren Wünschen und Träumen nach der Machbarkeit eines Wohnprojektes. Eine Lehrkraft gebraucht ungewöhnlich klare Worte für die Beschreibung der gesellschaftlichen Systeme. Andreas Fickenscher, 1. Vorsitzender von KOPF e. V. und ebenfalls als Gast eingeladen an die Hofer Fachakademie, berichtet von den Anstrengungen in Hof, Kultur "von unten" zu installieren. Man kennt ihn als Motor des "Monats der Fotografie", von Uferflimmern und anderen Projekten rund um das Thema Film.

Holger Lauinger bringt seinen Film mit sehr anspruchsvollen, fast philosophischen Überlegungen in Verbindung, die letztlich immer wieder zu neuem Denken auffordern - wie wollen wir leben? wie wollen wir uns einbringen? welche Fakten bringt uns die Zukunft?

Und was hat das alles mit dem Erzieherberuf zu tun? Schulleiter Pfarrer Achim Schäfer und Sozialpädagogin Nanne Wienands stellen die Verbindungen her. Erzieherinnen und Erzieher sind in schrumpfenden Städten und Dörfern mit den Auswirkungen von Armut und Hoffnungslosigkeit unmittelbar konfrontiert. Sie erziehen und bilden Kinder, die in eine Welt der Abwanderung, Perspektivlosigkeit und Arbeitslosigkeit, gleichzeitig aber in eine Welt unendlicher Konsummöglichkeiten und herrlicher Versprechungen hineinwachsen. In vielen Orten in den neuen Bundesländern hat sich der Staat gerade in den Einrichtungen der Jugendarbeit zurückgezogen. In die Bresche springen oftmals rechte Jugendverbände, die aufgrund ihrer Aktivitäten großen Zulauf haben.

Jugendhilfemaßnahmen werden oft rigoros gekürzt. In den Krippen und Kindergärten ist die Chance zur Elternarbeit gegeben, wie man sie sonst nicht hat. Hier sind engagierte Erzieherinnen und Erzieher gefragt, die die gesellschaftlichen Gegebenheiten durchschauen und wirklich anfangen "neu" zu denken.

In den Klassen wird weiter diskutiert. Obwohl wir zwanzig Jahre nach der Wende leben, ist noch keine Normalität eingekehrt, die Gleichheit der Lebensbedingungen ist nur den wenigen gegeben, die es "geschafft" haben. Offen bleibt: was haben sie "geschafft"? In Ost und West ist das undefiniert.

Holger Lauinger widmet sich einer Gruppe von Berufspraktikanten, die ebenfalls den Film angesehen haben, und in eine heftige Diskussion geraten. Deutlich wird, dass es keine einfachen Lösungen gibt. Dass man aufmerksam und sensibel gesellschaftliche Entwicklungen begleiten muss, und - wieder - dass in den pädagogischen Berufen ein hohes Maß an Verantwortung und Augenmaß notwendig sind. Ziele müssen formuliert und Methoden gefunden werden, wie Kinder und Jugendliche in diesem erforderlich gewordenen neuen Denken zurecht kommen.

Ein Gespräch mit Nanne Wienands finden Sie hier.
Der Film Neuland im Internet.



 
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