|

Quelle: Rüdiger Hansen*
|
Können drei bis
fünfjährige Kinder einen großräumigen Spielplatz planen? Können sie an
Sitzungen teilnehmen, Wahlen durchführen, Vertreter bestimmen und ihre
Interessen bei ihrer Tageseinrichtung vertreten? Sind sie in der Lage, über den
eigenen Horizont hinaus auch Interessen anderer Kinder und Erwachsener zu
berücksichtigen oder sogar einen Ausgleich zwischen möglicherweise abweichenden
Interessen anzustreben?
Diese Art von Fragen kann (oder muss?) sich
derjenige stellen, der über die Integration von demokratischen Prinzipien bzw.
einer demokratischen Kultur in den frühesten gesellschaftlichen Institutionen
nachdenkt mit denen Kinder als Gruppe konfrontiert sind: Kindergärten und
Kindertagesstätten. Jedoch mag man sogleich Bedenken tragen: Wer sind die, die
solche Fragen stellen? Handelt es sich bei ihnen möglicherweise um Menschen,
die einer Art romantischen Mythos vom „allseits kompetenten Kind" anhängen, stehen
im Hintergrund dieser Fragen nichts weiter als Wunschträume und Phantasien von
PädagogInnen und ErzieherInnen? Und käme dann der Versuch einer Umsetzung
partizipativer Strukturen in den genannten Einrichtungen nicht einer Überforderung
der Kinder gleich, der ihren kindlichen Eigenraum, ihren eingeschränkten
Horizont und ihre kindliche „Naivität" verletzt?
Recht auf freie, gleichberechtigte und öffentliche Teilhabe gilt auch für Kinder
In den Jahren 2001 bis 2003 führte der Verein Kinderumweltinitiativen „Kiwi
e.V." mit Unterstützung des Ministeriums für Soziales, Gesundheit, Familie,
Jugend und Senioren des Landes Schleswig Holstein ein Projekt in sieben
verschiedenen Kindertageseinrichtungen durch, in dem erprobt werden sollte,
inwieweit auch für „kleine" Kinder Beteiligung im Alltag mit ihren erwachsenen Bezugspersonen
umsetzbar und erfolgreich sein kann. Konzipiert und durchgeführt wurde das
Projekt von Prof. Dr. Raingard Knauer, Rüdiger Hansen und Prof. Dr. Benedikt
Sturzenhecker unter dem Dach des Instituts für Partizipation und Bildung in
Kiel. Die Träger verstehen ihr Projekt bzw. ihr Konzept als demokratiepädagogischen
Beitrag - für sie bedeutet Partizipation das „Recht auf freie,
gleichberechtigte und öffentliche Teilhabe der BürgerInnen, an gemeinsamen
Diskussions- und Entscheidungsprozessen in Gesellschaft, Staat und
Institutionen". Dieses Recht komme grundsätzlich nicht nur Erwachsenen, nicht
nur Jugendlichen, sondern auch Kindern zu. Dementsprechend folgern sie: „Erst
die strukturelle Verankerung von Partizipationsrechten macht Kindertageseinrichtungen
zu demokratische(re)n Orten".
Um diese Verankerung geht es dann auch im Wesentlichen in der konkreten
Umsetzung bei den Einrichtungen, die sich an dem Modellprojekt beteiligt haben.
In welchem Bereich oder in welchen Bereichen Partizipation konkret ermöglicht
wird, liegt dabei in den Händen der pädagogischen Mitarbeiter vor Ort. Sie
müssen sich im Vorfeld darüber klar werden, in welchem Rahmen sie die Kinder
beteiligen wollen, wie weit dieses Beteiligung gehen soll und wie sie auch methodisch
angemessen umgesetzt werden kann. Es geht als nicht um Beteiligung „total" und
nicht um Beteiligung „um jeden Preis".
Methodische Kompetenz der Erwachsenen als Schlüssel für Partizipation von Kindern
Es wurden im Rahmen des Projekts unter anderem regelmäßig tagende
Kinderparlamente und Kinderräte eingeführt, in denen die Kinder über von ihnen selbst
gewählte Vertreter die Möglichkeit hatten, über den laufenden Betrieb der
Einrichtung (mit)zubestimmen. Es wurden auch Fragen der Raum- bzw.
Spielgeländegestaltung (z.B. Funktionsecken, Einrichtungsgegenstände, bauliche
Änderungen, etc.) und auch konzeptionelle Themen (z.B. Gruppenzuteilungen bzw. -strukturen,
Tagesabläufe), zu Orten der Partizipation.

Quelle: Rüdiger Hansen*
|
Während des Projekts wurde immer deutlicher, dass die Beteiligung gerade der
„Kleinsten" nicht einfach durch einen einfachen Transfer von Entscheidungsverantwortung
für bestimmte Fragen seitens der erwachsenen Betreuungskräfte getan ist (die
Verantwortung wird also nicht einfach „abgegeben"). Ob und wie Partizipation
umgesetzt werden kann, hängt zu einem großen Teil erstens von der Bereitschaft
und zweitens auch von der methodischen Kompetenz der Erwachsenen ab. Wie führt
man z.B. Wahlen mit kleinen Kindern methodisch durch (Haben Sie schon mal was
von der Wäscheklammerwahl gehört?)? Wie können Ergebnisse von Gremien und
Besprechungen für Kinder verständlich dokumentiert und vermittelt werden (Haben
Sie schon mal ein Ergebnisprotokoll gemalt?)?
Kinder in echter demokratischer Art und Weise zu beteiligen fordert daher die
„Professionellen" zu einem Lernprozess heraus, dem sie sich auch als Team
stellen müssen. Die Projektleiter betonen: Kinder merken wenn sie nur scheinbar
beteiligt sind.
Quelle: Rüdiger Hansen*
|
Es zeigte sich während der Durchführung des Projekts, dass die Einführung
beständiger partizipativer Strukturen zwar ein spannungsreicher Weg sein kann,
der immer wieder auch das pädagogische Personal und nicht zu vergessen auch die
Eltern vor Herausforderungen stellt, dass es aber gleichzeitig auch ein
lohnenswerter Weg ist, bei dem die Kinder wichtige und elementare
Lernerfahrungen machen, die sie an anderer Stelle kaum in dieser Intensität
machen können. Das Projekt dokumentiert sowohl den Ernst als auch den Spaß mit
dem die Kinder ihre (neuen) Möglichkeiten wahrnehmen. Es dokumentiert die
Erfahrung der Verantwortung und auch der Selbstwirksamkeit, die schon die
„kleinen" machen können. Es zeigt auch, dass Kinder mit einer partizipativen
Situation gefordert sind, und dass sie, wenn diese Situation von den
Erwachsenen nicht angemessen begleitet und strukturiert wird, auch überfordert
sein können. Sie werden wiederholt auf direkte und authentische Art und Weise mit
den demokratisch(st)en Problemen der Meinungsverschiedenheit und der Diskussion
konfrontiert. Das Projekt zeigt, das auch Kinder diesen Problemen in ihrem
Rahmen gewachsen sein können.
Für den Erfolg und die Sinnhaftigkeit des Projekts spricht, dass bei den
Kindern wiederholt Übertragungseffekte im Sinne exemplarischen Lernens
festgestellt werden konnten, bei denen einzelne Kinder, die die Erfahrung von
Partizipation, Verantwortung und demokratischen Entscheidungsprozessen in
Kindertagesstätten und Kindergärten gemacht hatten, diese auch in der Schule oder
sogar bei der kommunalen Verwaltung einbrachten. Exemplarisches Lernen und
Lerntransfer sind also im Bereich der Demokratiepädagogik scheinbar möglich.
Multiplikatorentraining und Handbuch
Aufgrund der in der Erprobungsphase gemachten guten Erfahrungen folgte von 2006
bis 2008 in Zusammenarbeit mit der Fachhochschule Kiel ein
Multiplikatorentraining in Ausbildungsform, mit dem Ziel, weitere Einrichtung
bei der Einführung bzw. beim Ausbau partizipativer Strukturen zu unterstützen. Über
das Projekt gibt es ein ca. 30minütiges kurzweiliges und anschauliches Dokumentationsvideo,
das viele Einblicke in die verschiedenen Aspekte und Phasen der Umsetzung gibt.
Das Video ist beim Deutschen
Kinderhilfswerk
für 10,- Euro zu beziehen. In diesem Herbst wird außerdem
ein Handbuch zu Idee und Konzeption der „Kinderstube der Demokratie" im Verlag „das netz"
erscheinen.
Trailer zum Film "Die Kinderstube der Demokratie" von Lorenz Müller und Thomas Plöger, Deutschland 2008
Abschließend sei eines erwähnt: Die an der Durchführung des Projekts
beteiligten Personen und Institutionen hatten für ihr Anliegen eine (wenn man
so will) politische Legitimation, auf die sie sich auch konkret berufen. Der
Paragraph 47f der Schleswig
Holsteinschen Gemeindeordnung
sieht vor: „(1) Die Gemeinde muss bei
Planungen und Vorhaben, die die Interessen von Kindern und Jugendlichen berühren,
diese in angemessener Weise beteiligen. Hierzu muss die Gemeinde über die
Beteiligung der Einwohnerinnen und Einwohner nach den §§ 16 a bis 16 f hinaus
geeignete Verfahren entwickeln. (2) Bei der Durchführung von Planungen und
Vorhaben, die die Interessen von Kindern und Jugendlichen berühren, muss die
Gemeinde in geeigneter Weise darlegen, wie sie diese Interessen berücksichtigt
und die Beteiligung nach Absatz 1 durchgeführt hat". Ein vergleichbarer Passus
findet sich in der Bayerischen
Gemeindeordnung
(noch?) nicht.
*Alle Bilder:
Quelle: Rüdiger Hansen - Institut für Partizipation und Bildung
|