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Am 24.06.1995, 14 Monate nach den ersten freien Wahlen
und dem Ende der Politik der Apartheid, gewann das südafrikanische
Rugbynationalteam in Johannesburg mit 15 zu 12 gegen das Team aus Neuseeland
und feierte damit den größten Triumph der Teamgeschichte - den Gewinn der
Rugby-Weltmeisterschaft. Der Pokal wurde der fast ausschließlich aus Weißen
bestehenden Mannschaft durch den erst wenige Monate zuvor gewählten Präsidenten
Nelson Mandela überreicht. Er trug während der Zeremonie das Ersatztrikot des
Mannschaftskapitäns Francois Pienaar und zeigte damit seine Identifikation und
Unterstützung für eine Mannschaft, der der schwarze Teil der südafrikanischen
Nation traditionell ablehnend bis feindselig gegenüber stand. Nur ein einziger schwarzer
Spieler hatte es überhaupt geschafft, in den Kader des Nationalteams zu
gelangen.
Chester Williams, der sich kürzlich in einem Interview mit der
englischen Zeitung „The Sun" an die Ereignisse von 1995 erinnerte. Er
beschreibt, wie Nelson Mandela das Team vor Spielbeginn in den Umkleidekabinen
besuchte: „When Nelson Mandela walked
into the changing room wearing that Springbok rugby jersey, it was done. We had to win that game. Everybody expected him to wear a suit and tie.
It changed the attitude and spirit of the team - and it changed the whole
mindset of the nation". Er unterstreicht die enorme Bedeutung, die der Gewinn
der Weltmeisterschaft für die politische Entwicklung des Landes hatte: "Only in the week of the final did we
realise how important the World Cup was for South Africa. It wasn't just about a rugby match. It helped to reunite the country. It
was a showcase not only for rugby but also for the country. It really happened
that we reunited the country through sport".
Sport und (Des-)Integration
Es mag ein wenig zu viel Pathos in
dieser Erinnerung liegen und es braucht sicherlich sehr viel mehr (politische)
Arbeit als ein Rugby-Spiel, um ein gespaltenes Land zu einer Nation zu machen.
Doch liegt wohl auch ein Funken Wahrheit in den Worten von Chester Williams.
Sport - ein omnipräsentes kulturgeschichtliches Phänomen - kann integrierende
Wirkung entfalten und dementsprechend auch auf personaler Ebene
Identifikationsprozesse hervorrufen. Diese sind zwar womöglich diffus, trotzdem
aber real und wirkmächtig.
Sport - insbesondere massenmedial
wirksamer Sport wie z.B. Fußball - wird daher auch von verschiedenen
gesellschaftlichen Akteuren bewusst in seiner integrierenden Wirkung
eingesetzt. Dazu gehören sportpädagogischen Angebote im Bereich der Milieu-
oder Freizeitpädagogik, aber auch symbolträchtige Aktionen in den Medien, die
darauf abzielen, die Eigenwahrnehmung der Gesellschaft unter dem Aspekt
„Integration" oder „Migration" positiv zu beeinflussen. Beispielsweise
Initiativen wie die des DFB-Integrationspreises
unter der Schirmherrschaft von Oliver Bierhoff. Die hinter diesen Angeboten und
Initiativen stehende Logik ist in der Regel einfach und lässt sich an folgender
Aussage Bierhoffs verdeutlichen - er betont: "Der Fußball ist wie geschaffen für
Integration: Egal wo man herkommt, welche Sprache man spricht oder welcher Religion
man angehört - auf dem Platz ziehen alle an einem Strang und wollen gewinnen.
Die integrative Kraft des Fußballs ist einzigartig und hilft insbesondere
Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund, in der Gemeinschaft Fuß zu
fassen. Ich selbst habe über zehn Jahre im Ausland Fußball gespielt und weiß,
wie wichtig es ist, sich in seiner Umgebung wohl zu fühlen und integriert zu
sein".
Im und womöglich sogar gerade im
Sport zeigt sich allerdings auch - und das sollte nicht unbeachtet bleiben -,
wenn Personen etwa aufgrund fremdenfeindlicher Diskriminierung eben gerade nicht integriert sind. Ein
erschreckendes Zeugnis aus jüngerer Zeit liefert der Erfahrungsbericht
des Oberligaspielers Adebowale Ogungbure. der wiederholt von Fans mit ausländerfeindlichen Parolen und
Ausdrücken beschimpft, bespuckt und sogar tätlich angegriffen wurde. Fußball im
Besonderen und Sport im Allgemeinen „integriert" also nicht automatisch.
Es entscheidet der Umgang der Spieler
(und Fans) miteinander - die Wahrheit liegt nicht allein auf dem Platz sondern
vor allem im Kopf, um ein altes Fußballsprichwort umzuwandeln. Daher machen
Aktionen wie „Show Racism the Red Card"
Sinn, die aus dem Sport heraus in den Sport und sein Umfeld hinein wirken
wollen. Die Aktion findet übrigens inzwischen auch in Deutschland Umsetzung.
Der politisierte Sport
Während das zu Beginn erwähnte
Beispiel für eine Form des im positiven Sinn politisierten Sports steht, gibt
es auch Beispiele für negativ politisierten Sport: Dazu gehört historisch
betrachtet sicherlich der ins rassistische stilisierte Sport der NS-Zeit (vgl.
etwa die Inszenierung der Olympischen Sommerspiele 1936) und beispielsweise
auch der "Aufrüstungs-" - Pardon - "Leistungssport" der Zeit des kalten
Krieges. Eher kuriose Einzelereignisse wie der sog. "Fußballkrieg"
zwischen den beiden Staaten El Salvador und Honduras, bei dem ein Fußballspiel
einen schwelenden Konflikt zwischen den beiden Staaten eskalierte und
bewaffnete Auseinandersetzungen nach sich zog, verdeutlichen ebenfalls diesen
Sachverhalt.
Sport hat wie es scheint das
Potential, gesellschaftlichen bzw. politischen Symbolcharakter zu erlangen oder
auch als Projektionsfolie für allgemeine Ist- oder Soll-Vorstellungen zu dienen
und wurde und wird dementsprechend inszeniert - was gerade bei
Sportereignissen, die hohe nationale oder internationale Beachtung erfahren,
immer wieder sichtbar wird. Das zeigt sich in unterschiedlicher Ausprägung bei
Olympischen Spielen, Weltmeisterschaften, nationalen Meisterschaften, etc. Die
Beachtung, die solchen Ereignissen seitens der Bevölkerung geschenkt wird - ist
enorm. Eine Randbemerkung hierzu: Der diesjährige Superbowl - das Finalspiel
der amerikanischen Football-Liga - war
das Programm mit den meisten Zuschauern in der US-Fernsehgeschichte (106
Millionen) - (moderat) politisiert war die Veranstaltung insofern, als das
beispielsweise die Vorträge der Nationalhymne und der Quasi-Hymne "America the
Beautiful" von einem Überflug durch Kampfjets begleitet waren. Auch wird
von Kontroversen im Vorfeld der Veranstaltung um Inhalte bestimmter Werbespots
berichtet, die politisch bzw. gesellschaftlich brisante Themen berührten
Der Sport (oder das Sport-Event) kann also selbst zum Politikum werden, und es
lohnt sich, neben seiner Kommerzialisierung auch seine Inszenierung aufmerksam
zu beobachten.
Sport als Wagnis und Erlebnis
Nach den eher auf der Ebene der gesellschaftlichen Funktion des
Sports angesiedelten Überlegungen, soll nun abschließend noch ein Blick auf die
Ebene des Individuums geworfen werden. Welche Lernmöglichkeiten liegen also
spezifisch im Sport als Tätigkeit, die einen Effekt auf der Ebene des
Ausübenden entfalten könnte?
Prof.
Dr. Dietrich Kurz von der Abteilung für Sportwissenschaft der Universität
Bielefeld verweist zur Beantwortung dieser Frage auf ein psychologisches Modell
von Rheinberg, dass uns helfen soll, die Bedeutung und auch die Funktion des
Sports für den Einzelnen zu erkennen. Dieses Model der „Anreiztrias" erklärt
insbesondere, warum Menschen Sport als herausfordernde Aktivität überhaupt
ausüben.
| Die Anreiztrias von Rheinberg: Was reizt den Menschen Sport zu
treiben?
1. Kompetenzerleben: Wir wollen uns beweisen und
zeigen, was wir können (Anerkennung, Stolz)
2. Erregende Bedrohungswahrnehmung:
"Angstprickeln", "Nervenkitzel". Wir wagen nicht, obwohl,
sondern weil es gefährlich ist
3. Ungewöhnliche Bewegungszustände: Gleichgewicht,
Schwindel, Geschwindigkeit, Höhe, Tiefe usw. bereiten Vergnügen, wenn
sie
beherrscht werden
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Prof. Kurz erklärt ausgehend von
diesem Modells den „Wagnischarakter" des Sports und misst diesem eine besondere
Bedeutung im Rahmen der Persönlichkeitsentwicklung von Jugendlichen und jungen
Erwachsenen bei. Dieses „Wagnis" wird vom Individuum - egal ob bewusst oder
unbewusst - eingegangen und aus ihm heraus entwickeln sich spezifische
Lernmöglichkeiten und ergeben sich charakteristische Lerneffekte, die bevorzugt
beim Sport (insbesondere natürlich beim Gruppen- bzw. Mannschaftssport)
auftreten können. Was ein „Wagnis" ist und welche Effekte die erfolgreiche
Bewältigung eines Wagnisses beim Individuum hervorrufen kann, wird wie folgt
erläutert:
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1. Das Wagnis ist ein Spiel an der Grenze des
eigenen Könnens (auch der
emotionalen Kontrolle)
2. Das Wagnis hat nur einen Reiz, wenn es mich individuell hoch
fordert, aber
nicht überfordert. Darin steckt ein Stimulus
zur Weiterentwicklung.
3. „Was kann ich mir zutrauen?" - Jedes Wagnis ist
eine Probe auf die eigene Selbsteinschätzung
und beinhaltet Selbsterfahrung - was kann ich?
wer bin ich? Dies trägt zur Identitätsentwicklung
bei.
4. Vertrauen - in sich selbst und
auch in andere. Förderung des Gemeinsinns
und des Verantwortungsbewusstseins
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Damit es nicht zum Scheitern am
Wagnis kommt und damit auch tatsächlich das angesprochene Lernpotential
ausgeschöpft werden kann, ist zuweilen - gerade bei jüngeren Zielgruppen -
pädagogisch sensible Anleitung und Unterstützung (z.B. seitens des Trainers
oder der Trainerin) nötig.
Die beschriebenen Effekte stehen in
engem Zusammenhang mit Lernpotentialen, die man ansonsten auch aus der Theorie
und Praxis der Erlebnispädagogik kennt. Die Erlebnisräume „kooperatives
Handeln", „gemeinsame Lösung von Problemen und Aufgaben" (=Bewältigung von
Herausforderungen), die „Einbeziehung aller in die Problemlösung" (auch des
schwächsten Glieds) sind hier von jeher als zentrale Lern- und Lehrgegenstände
bearbeitet worden. Besonderes Augenmerk wird in der Erlebnispädagogik der
„verwobenen Struktur aktiver und reflexiver Handlungsstränge" (Berger&Frech)
gewidmet. Damit ist gemeint, dass Aktivitäten, die in der Gruppe durchgeführt
werden, auch innerhalb der Gruppe thematisiert und kognitiv und emotional
bearbeitet werden - wodurch es zu einer stetigen Weiterentwicklung der Gruppe
und ihrer Performanz mit Hilfe des Zyklus von „Handeln → Reflexion → Verbesserung des
Handelns" kommen soll - dieser Zyklus lässt sich besonders gut für sportliche
Aktivitäten anwenden.
Möglicherweise werden hier jedoch
allzu oft gruppendynamische Aspekte zu Lasten rein auf die sportliche Handlung
bezogener Themen außer Acht gelassen. Gerade der Begriff des „Vertrauens" böte
sich hier im Sinn einer Perspektive der politischen Bildung als zentraler
Kompetenzbegriff an, der sowohl die die Fähigkeit zum Vertrauen in sich selbst,
in andere und auch die Fähigkeit selbst Vertrauenswürdig zu sein einschließt.
„Vertrauen" lässt sich so als für eine Gesellschaft essentielle soziale und
auch politische Ressource (Putnam) verstehen und im Rahmen entsprechender
Maßnahmen und Reflexionseinheiten fördern und entwickeln.
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