|

KZ-Gedenkstätte Dachau gespiegelt im Fenster
© VGMeril/ pixelio
|
Am 25.01.2009 unterzeichneten die Präsidenten der
Internationalen Häftlingskomitees der NS-Konzentrationslager und ihrer
Außenkommandos ein Dokument ,
in dem sie die Staatengemeinschaft zur Bewahrung und Förderung der Erinnerung
an die Verbrechen der NS-Diktatur auffordert. Die Unterzeichner erklären im
Wortlaut: „Die letzten Augenzeugen wenden sich an Deutschland, an alle
europäischen Staaten und die internationale Gemeinschaft, die menschliche Gabe
der Erinnerung und des Gedenkens auch in der Zukunft zu bewahren und zu
würdigen. Wir bitten die jungen Menschen, unseren Kampf gegen die
Nazi-Ideologie und für eine gerechte, friedliche und tolerante Welt
fortzuführen, eine Welt, in der Antisemitismus, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit
und Rechtsextremismus keinen Platz haben sollen. Dies sei unser Vermächtnis."
Aus einer Perspektive der Didaktik politischer Bildung liegt
neben dem politischen Aufruf in dieser Botschaft noch eine Pointe, die im
Zusammenhang der in jüngerer Zeit geführten Diskussionen um eine sich
verändernde Erinnerungskultur liegt - sie scheint zunächst vor allem die
geschichtliche Aufarbeitung des Holocausts zu betreffen, betrifft aber darüber
hinaus auch alle anderen Fragen des „Lernens aus bzw. an der Geschichte". Sie
ist mit der folgenden Frage verknüpft: Wie kann Erinnerung für die
gegenwärtigen und nachfolgenden Generationen zugänglich gemacht werden, wenn
eine persönliche Begegnung mit Zeitzeugen nicht mehr möglich ist? Immerhin war
dies bisher eine der prominentesten "Methoden" politisch-historischer Bildung,
vor allem eben im Zusammenhang der Aufarbeitung der Deutschen Vergangenheit.
Der „Zeitzeuge" gilt als Vermittler historischer Bildung von besonderer
Qualität - und das nicht ohne Grund: denn der „Zeuge" ist in jeder Kultur eine
besondere Person und ihm wird eine bedeutsame Funktion zugesprochen, und das nicht nur auf dem Gebiet des Juristischen.
Mithilfe des Zeugen wird über
Wahrheit und Unwahrheit, Recht und Unrecht entschieden. Auch Kinder und
Jugendliche kennen bereits (womöglich intuitiv bzw. aus eigenen
Konflikterfahrungen) diese Funktion und nehmen ehrfahrungsgemäß Zeitzeugen
entsprechend wahr und auch ernst. Ist aber die Abwesenheit bzw. das Aussterben von
Zeitzeugen zwangsläufig mit einem Verlust der Qualität der Erinnerung und damit
auch der möglichen Reichweite historischen Lernens verbunden?
Gesellschaftliche Rahmungen historischen Lernens
Die Begriffe „Erinnerungskultur", „kollektives Gedächtnis" oder „kulturelles
Gedächtnis"
(Assmann), die Teil der gegenwärtigen Diskussion um
historisches Lernen sind, verweisen auf den gesamtgesellschaftlichen Rahmen des
Problems. Konsensfähig für Akteure der politischen Bildung ist in der Regel,
dass eine demokratische Gesellschaft ihre Gegenwart und Zukunft (auch und
gerade im transnationalen Kontext) insbesondere auf der Grundlage der
Lektionen, die die Vergangenheit gelehrt hat, konstruktiv gestalten kann und
muss. Dieser Rahmen schließt auch eine gegenwärtige
politische Dimension mit ein. Politisch insofern, als das Entscheidungen
darüber getroffen werden, was in
Erinnerung gerufen wird und wie dies
geschieht - und damit wird der Raum abgesteckt, in dem sich Individuen
kollektives Wissen und Erinnern überhaupt aneignen können.
Erinnerung ist daher weder politisch neutral noch geschieht sie unabhängig von
aktuellen gesellschafspolitischen Fragen oder Trends. Ein wacher und sensibler
Umgang mit allen Formen „organisierter Erinnerung" und den damit verbundenen
Lernprozessen ist also gefragt. Hier und in diesem Zusammenhang ist dann auch
die Mahnung der Präsidenten der Internationalen Häftlingskomitees besonders zu
hören - und die Gestaltung von Erinnern und Lernen tritt als gesellschaftliche
Aufgabe zu Tage.
Vergangenes gegenwärtig machen
Mit unserem Thema verbunden ist auf einer grundlegenden Ebene die Frage, wie
Menschen allgemein - vor allem aber junge Menschen als Vertreter einer nachfolgenden
Generation - überhaupt effektiv historisch Lernen können und wie kollektive
gesellschaftliche Erinnerungen an sie übergeben werden können? Neben direkten
kommunikativen Zugängen, wie sie über das Gespräch mit dem Zeitzeugen entstehen
können, gibt es noch eine Reihe weiterer Möglichkeiten, durch die Vergangenheit
für ein Individuum zum (Lern-)Gegenstand werden bzw. als Erinnerung weitergegeben
werden kann. Dazu gehören zunächst die Kategorien des Ortes, der Gegenstände,
des Dokuments und des Bildes, die in der Vergangenheit
vorwiegend „klassisch" in Form der Gedenkstätte, des Museums bzw. der
Ausstellung und der Auseinandersetzung mit Quellentexten oder deren literarischen
Umsetzungen im Rahmen schulischen Unterrichts umgesetzt wurden.
Doch gibt es zu diesen Vermittlungsstrategien auch alternative Vorgehensweisen,
die didaktisch gesehen eigenen Akzente setzten können. Das Förderprojekt „Pfade der
Erinnerung" der „Geschichtswerkstatt Europa" etwa versucht Projekte
anzustoßen, die nicht mehr nur „statische" Orte der Erinnerung zum Gegenstand
setzt, sondern die Dynamik der Orte und ihre wechselnde Bedeutung in den Blick
bringt, die sich z.B. durch Zwangsmigration entfaltet hat. Im Bereich der
Museumspädagogik gab und gibt es auch immer wieder zielgruppenorientierte
Umsetzungen, die Gegenstände nicht nur „betrachten" und „erklären" sondern auch
„erleben" und „benutzen" lassen. Desgleichen gilt für Ausstellungen - im
letzten Jahr fand beispielsweise der „Zug der Erinnerung"
deutschlandweit Beachtung, der sich auf Schienen und durch Bahnhöfe auf seinen
Weg zu unterschiedlichen Orten machte, die für die Geschichte der Deportationen
von Bedeutung sind. Dass es auch zum Umgang mit historischen Dokumenten alternative
Zugänge gibt, zeigen Ansätze wie „Schüler
schreiben Geschichte" oder auch der bundesweite Geschichtswettbewerb
der Körber-Stiftung, bei dem Schüler selbst zu Spurensuchern werden und sich
eigene Zugänge zu Archiven, Dokumenten und Zeitzeugen verschaffen lernen. Als
weitere Zugänge bieten sich zudem die Darstellung und Verarbeitung des
Vergangenen in Kunst und Musik dar. Einen sehr interessanten (weil
systematischen und umfassenden) Ansatz zeigt hier beispielsweise das Projekt „Die Farbe der Tränen. Der 1. WK
aus der Sicht der Maler", das von den bedeutenden Museen der europäischen
Geschichte getragen wird. Es deutet sich an: In den erwähnten Bereichen ist
sicherlich viel Potential zur Beschreitung neuer und an unterschiedliche
Zielgruppen angepasster Wege vorhanden.
Geschichte im digitalen Medium
Im Zeitalter alter (Radio, Fernsehen) und neuer Medien (Computer, Internet) ist
es für viele selbstverständlich geworden, sich die eigene Lebenswelt über diese
Medien zu erschließen. Dies gilt konsequenterweise zunehmend auch für
geschichtliche Themen. Der Trend geht dabei zum „neuen" Medium Internet. Die Möglichkeiten
digitaler Medien sind vielfältig und scheinen eine Reihe von Vorteilen zu
bieten: Bilder, Ton, Video und Text können in beliebiger Kombination und zu
jedem gewünschten Zeitpunkt auch ortsunabhängig widergegeben werden. Auch
Interaktivität der Inhalte untereinander (Hypertext, dynamische Inhalte,
unterschiedliche Visualisierungsmöglichkeiten) und mit dem Benutzer (d.h. der
Benutzer kann dargestellte Inhalte auch beeinflussen oder verändern) ist
möglich - wenn auch nicht immer leicht in angemessener und sinnvoller Art und
Weise umzusetzen. Inhalte können außerdem dauerhaft ohne Qualitätsverlust
gespeichert werden und sind vor allem einem breiten Publikum günstig zugänglich
zu machen. Virtuelle Museen wie das LeMo
und sein Online-Archiv
sind inzwischen
leicht umsetzbar und könnten auch mit aktueller Technik deutlich aufwendiger
gestaltet werden. Vertreter der „alten" Medien unternehmen ebenfalls nicht
grundlos vermehrt Anstrengungen in Richtung der „neuen" - vgl. hierzu u.a. die
Website des ZDF zur Wiedervereinigung
oder auch der allgemein zu beobachtende Trend zur „Mediathek".
Auch Zeitzeugenberichte, von denen ja eingangs die Rede war, lassen sich schließlich
medial aufzeichnen und verbreiten, wenn hier auch der Charakter der
persönlichen Begegnung abgeschwächt ist - vor allem, weil keine Interaktion mit
der Person des Zeitzeugen mehr möglich ist. Das knapp 52.000 Videos umfassende Shoa-Archiv
der Univsersity of Southern
California ist hierfür nur ein Beispiel. Exempel einer medialen Umsetzung von Zeitzeugenberichten
als „Oral History"-Projekt im deutschsprachigen Internet sind die Website „Erzählte
Migrationsgeschichte " oder das konzeptionell sehr vielversprechende gerade
in der Umsetzung begriffene Projekt „Unsere Geschichte " des Instituts
für Mediengestaltung der Fachhochschule Mainz.
Wenn auch bis dato so manches mediale Angebot für das kritische Auge in seiner
Umsetzung einige Wünsche unerfüllt lässt: Die Möglichkeiten, die der beschriebene
Bereich bietet, werden in Zukunft mit steigender Leistungsfähigkeit der
verfügbaren Computerhard- und software weiter steigen. Außerdem sind
Verbesserungen im Blick auf didaktische Umsetzung und Benutzerfreundlichkeit
bei steigender Angebotsvielfalt bzw. -konkurrenz zu erwarten. Institutionen und
deren Vertreter, die auch in Zukunft historisch-politisches Lernen fördern
wollen, werden daher auch für diesen Bereich - insbesondere für das Internet -
qualitativ hochwertige Angebote entwickeln müssen.
|