 |
|
Holger Lauinger und Schulleiter
Pfarrer Achim Schäfer im Gespräch mit Berufspraktikantinnen und -praktikanten |
Donnerstagvormittag in der Hofer Fachakademie für
Sozialpädagogik an der Mozartstraße. Noch wissen die an diesem Tag über 200
anwesenden Studierenden nur, dass ein Film sie erwartet. Ein Film über die
Probleme im Osten und auch im Westen unseres Landes. Dass sie mit dem
Filmemacher Holger Lauinger diskutieren können und mit Dr. Simone Richter
von der Projektstelle gegen Rechtsextremismus in Bad Alexandersbad. Die
Veranstaltung erfolgt im Rahmen des Projektes "Schule ohne Rassismus,
Schule mit Courage"; diesem bundesweiten Projekt hat sich die Hofer
Fachakademie für Sozialpädagogik angeschlossen. Es bleibt ganz still, während
der Film gezeigt wird.
Im Saal sitzen junge Menschen aus
Ost und West. Jeder hängt den Gedanken nach, die einem unweigerlich in den Sinn
kommen, bei dieser schweren Kost. Lauingers Film zeigt einerseits
Bauten im Osten, die mit vielen Millionen bezuschusst wurden, hunderte
von Arbeitsplätzen versprachen und dann doch nach kürzester Zeit bankrott
waren. Sie stehen jetzt als Ruinen in der Landschaft. Und er zeigt andererseits
viele kleine Bemühungen und Anfänge von Bürgern, die mit Kreativität und
unkonventionellem Vorgehen versuchen, dem Arbeitsplatz- und
Bevölkerungsschwund in ihren Dörfern und Städtchen zu begegnen. Oft ohne
staatliche Unterstützung, ohne Zuschüsse. In langen Filmsequenzen muss man den
Betroffenen zuhören. Geduld muss man aufbringen als Zuschauer, manchmal wird
gelacht im Zuschauerraum, wenn die Verzweiflung komisch wird.
In der anschließenden
Diskussionsrunde geht es um die Notwendigkeit der Bürgeraktivitäten. Frau Dr.
Simone Richter bekräftigt die Aktivitäten gegen rechtes Gedankengut und rechte
Gewalt, und stellt ihre Arbeit vor. Eine Studierende fühlt sich bestätigt in ihren
Wünschen und Träumen nach der Machbarkeit eines Wohnprojektes. Eine Lehrkraft
gebraucht ungewöhnlich klare Worte für die Beschreibung der gesellschaftlichen
Systeme. Andreas Fickenscher, 1. Vorsitzender von KOPF e. V. und ebenfalls
als Gast eingeladen an die Hofer Fachakademie, berichtet von den Anstrengungen
in Hof, Kultur "von unten" zu installieren. Man kennt ihn als Motor
des "Monats der Fotografie", von Uferflimmern und anderen Projekten
rund um das Thema Film.
Holger
Lauinger bringt seinen Film mit sehr anspruchsvollen, fast
philosophischen Überlegungen in Verbindung, die letztlich immer wieder zu
neuem Denken auffordern - wie wollen wir leben? wie wollen wir uns einbringen?
welche Fakten bringt uns die Zukunft?
Und
was hat das alles mit dem Erzieherberuf zu tun? Schulleiter Pfarrer Achim
Schäfer und Sozialpädagogin Nanne Wienands stellen die Verbindungen her.
Erzieherinnen und Erzieher sind in schrumpfenden Städten und Dörfern mit den
Auswirkungen von Armut und Hoffnungslosigkeit unmittelbar konfrontiert.
Sie erziehen und bilden Kinder, die in eine Welt der Abwanderung,
Perspektivlosigkeit und Arbeitslosigkeit, gleichzeitig aber in eine Welt
unendlicher Konsummöglichkeiten und herrlicher Versprechungen hineinwachsen. In
vielen Orten in den neuen Bundesländern hat sich der Staat gerade in den
Einrichtungen der Jugendarbeit zurückgezogen. In die Bresche springen oftmals
rechte Jugendverbände, die aufgrund ihrer Aktivitäten großen Zulauf haben.
Jugendhilfemaßnahmen
werden oft rigoros gekürzt. In den Krippen und Kindergärten ist die Chance zur
Elternarbeit gegeben, wie man sie sonst nicht hat. Hier sind engagierte
Erzieherinnen und Erzieher gefragt, die die gesellschaftlichen Gegebenheiten
durchschauen und wirklich anfangen "neu" zu denken.
In
den Klassen wird weiter diskutiert. Obwohl wir zwanzig Jahre nach der Wende
leben, ist noch keine Normalität eingekehrt, die Gleichheit der
Lebensbedingungen ist nur den wenigen gegeben, die es "geschafft"
haben. Offen bleibt: was haben sie "geschafft"? In Ost und West ist
das undefiniert.
Holger Lauinger widmet sich einer Gruppe von
Berufspraktikanten, die ebenfalls den Film angesehen haben, und in eine heftige
Diskussion geraten. Deutlich wird, dass es keine einfachen Lösungen gibt. Dass
man aufmerksam und sensibel gesellschaftliche Entwicklungen begleiten muss, und
- wieder - dass in den pädagogischen Berufen ein hohes Maß an Verantwortung und
Augenmaß notwendig sind. Ziele müssen formuliert und Methoden gefunden
werden, wie Kinder und Jugendliche in diesem erforderlich gewordenen neuen
Denken zurecht kommen.
|