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Wie kann sich politische Bildung in Theorie und
Praxis den Herausforderungen der Zukunft erfolgreich stellen? Mit welchem
Selbstverständnis und mit welcher inhaltlichen und didaktischen Ausrichtung wird
dies gelingen können? Wie kann politische Bildung vor allem im so wichtigen
Bereich der Schule bzw. der unterschiedlichen Schulformen und Stufen sinnvoll
gestaltet und kohärent umgesetzt werden?
Zur Intention des Autors...
Zur Diskussion und Klärung dieser Fragen möchte Gerhard Himmelmann, Professor
für Politische Wissenschaft und Politische Bildung im Seminar für
Sachunterricht und Politik der Technischen Universität Braunschweig, mit seiner
Monographie „Demokratie Lernen - als Lebens, Gesellschafts- und Herrschaftsform"
auf 343 Seiten seinen Beitrag leisten. Dies ist für ihn vor allem vor dem
Hintergrund der hohen Bedeutung einer erfolgreichen politischen Bildung für den
Bestand unserer gesellschaftlichen Ordnung dringlich, denn „Demokratie muss in
jeder Generation neu erworben werden" (Münchner Manifest vom 26. Mai 1997).
Himmelmanns Vorgehen besteht darin, den Begriff der politischen Bildung
zunächst in seiner Vielfalt und seinem Facettenreichtum, aber auch in seiner
scheinbaren Beliebigkeit und unklaren Identität in seiner historischen und
aktuellen Situation darzustellen, um sich auf die Suche nach einem integrierenden
Konzept zu machen, das sich sowohl für vergangene wie auch aktuelle Ansätze der
allgemeinen und schulischen Bildung - und natürlich im speziellen auch der
politischen Bildung - als anschlussfähig erweist. Es geht also nicht um die
Darstellung oder Rechtfertigung eines „neuen" und „besseren" Ansatzes im Sinne
einer Polarisierung, sondern um den Versuch einer konstruktiven Weiterführung,
in der die Tradition der politischen Bildung in ihrem Kontext gewürdigt und
aufgenommen werden soll. Diese Würdigung leistet Himmelmann in professoraler
Breite - wenn man diesen Begriff gebrauchen möchte. Sein Beitrag zeichnet sich
durch eine große Vielzahl an Bezügen zur Ideengeschichte und Praxis der
politischen Bildung aus, in der die jeweils unterschiedlichen Positionen zu den
einzelnen Themenbereichen immer zumindest stichwortartig, zuweilen auch
ausführlicher, dargestellt werden (man beachte das enzyklopädisch anmutende
Literaturverzeichnis von ca. 700 Titeln). Dies gelingt Himmelmann ohne
textliche Brüche und ohne den Fluss seiner eigenen gedanklichen Ordnung zu
unterbrechen.
Inhaltliches...
In Anlehnung an die Tradition Kurt Gerhard Fischers betrachtet Himmelmann das
„Demokratie-Lernen" als die eigentliche Aufgabe und damit auch als das
wesentliche Prinzip der politischen
Bildung. Damit ist dem Begriff der politischen Bildung, der seiner Natur nach
eher amorph und unbestimmt ist, ein konkreter Gehalt zugewiesen. „Demokratie-lernen"
ist nun für ihn nicht einfach „nur" das Lernen von Wissen über Demokratie im Allgemeinen,
über bestimmte Demokratien oder über konkrete demokratische Prozesse. Der
Begriff des „Demokratie-Lernens" ist bei Himmelmann viel weiter gefasst - er
wird durch die Teilbereiche „Demokratie
als Lebensform", „Demokratie als
Gesellschaftsform" und „Demokratie
als Herrschaftsform" expliziert, denen der Autor jeweils ausführliche
Kapitel widmet.
Unter dem Stichwort „Demokratie als
Lebensform" wird ein bis auf John Dewey zurückgehender Traditionsstrang
beschrieben, den man als soziale, lebensweltliche oder auch anthropologisch-kulturelle
Dimension von Demokratie bezeichnen kann - diese Dimension hat am stärksten von
allen dreien einen erfahrungsorientierten und daher individuellen Charakter.
In etwas abstraktere Gefilde führt uns der Autor dann in seinem Kapitel über „Demokratie als Gesellschaftsform". Dort
wird in loser Anlehnung an bestehende soziologische Gesellschaftstheorien die
freiheitlich demokratische Gesellschaft als ein Gesamtsystem beschrieben, das wiederum
durch besondere Regelungssysteme belebt und erhalten wird, die von Himmelmann
in Unterkapiteln näher erklärt werden: „Pluralismus und Gruppenkoordination,
Konflikt und Konfliktregulierung, Konkurrenz, Markttausch und Solidarität,
Offenheit und Öffentlichkeit, Zivil- und Bürgerschaftlichkeit".
Auf der Ebene der „Demokratie als Herrschaftsform"
werden dann erwartungsgemäß institutionelle Aspekte einer verfassten
demokratischen Grundordnung und deren Funktion und Verhältnis im Gesamtsystem
erörtert - insbesondere geht der Autor hier auch auf die konkreten Verhältnisse
in der Bundesrepublik Deutschland in ihrer historischen Bedingtheit ein. „Demokratie"
wird von ihm grundsätzlich als ein sich im Fluss befindendes politisches Experiment
gedeutet, dass die Sicherung der grundlegenden Menschenrechte zum Ziel hat.
Gegen Ende seiner Ausführungen bündelt Himmelmann seine vorwiegend fachwissenschaftliche
Darstellung und setzt sie fachdidaktisch zum bestehenden Schulwesen in
Beziehung - er wählt als programmatisches Schlagwort dafür die Erziehung bzw.
Bildung zur „demokratie-kompetenten Bürgerschaftlichkeit". Die Ebenen der
Lebens-, Gesellschafts- und Herrschaftsform werden als zu vermittelnde Schwerpunktsetzungen
jeweils den Schulstufen Grundschule, Sekundarstufe I und Sekundarstufe II
zugeordnet. Dabei betont Himmelmann, dass es ihm nicht nur um eine curriculare
Strukturierung geht, sondern insgesamt auch ein sich in der Lebenswelt Schule vom
Lehrpersonal zu verwirklichendes Handlungsprinzip gemeint ist - der Aspekt der
Demokratie als Lebensform sollte sich in diesem Sinn also permanent durch alle
Schulstufen hindurch verwirklichen. Als konkrete Hilfestellung für die
Umsetzung gibt der Autor dem Leser in recht knapper Form Kompetenz- und
Lernzieldefinitionen an die Hand, die durch den Nachtrag zur zweiten Auflage in
Form eines eigenständigen Kapitels erfreulicherweise vertieft werden.
Abschließendes...
Auch wenn sich Himmelmanns Titel vor allem an Fachpublikum und an angehende
Lehrer der ersten oder zweiten Phase der Lehrerbildung richtet, ist er trotzdem
in einer zugänglichen Sprache geschrieben und somit auch für ein breiteres
(interessiertes) Publikum verständlich. Die Untertitelung als „Lehr- und
Arbeitsbuch" findet sich nach eingehender Auseinandersetzung mit der Struktur
von „Demokratie lernen" gerechtfertigt: es gibt sicher Monographien die man
einmal lesen und dann gedanklich „abhaken" kann - diese gehört nicht dazu; d.h.
dass auch mehrmaliges Lesen hilfreich und das Nacharbeiten oder Erforschen
einzelner Abschnitte gewinnbringend sein wird. Dazu sind auch die vom Autor zu
jedem Kapitel gestellten „Fragen zum Text", die im Anhang bereit gestellt
werden, eine gute Hilfe.
Wer also die eingangs gestellten aktuellen Fragen teilt und für die eigene
Praxis und das eigene theoretische Denken nach Lösungsansätzen sucht, oder wer auch
einfach nur sein Wissen zur Situation der politischen Bildung in Deutschland
verbreitern und besser fundieren möchte, für den wird sich die Anschaffung von
Gerhard Himmelmanns „Demokratie lernen" lohnen.
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Titel: Demokratie Lernen - als Lebens,
Gesellschafts- und Herrschaftsform
Erschienen: Wochenschauverlag, 2007
Autor: Gerhard Himmelmann
ISBN: 978-3-89974162-9
Preis: 23,60 EUR
Zu beziehen bei: http://www.wochenschau-verlag.de/
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